Niedersachsen - vom Bardengau zum Bundesland
 

von Prof. Dr. Hans-Heinrich Seedorf*
 

In der gegenwärtigen Zeit scheint das Interesse an der Heimat- und Regionalgeschichte zu steigen. Entgegen einer immer wieder vertretenen Auffassung ist auch das Land Niedersachsen kein Kunstgebilde der Nachkriegszeit. Das Bundesland kann vielmehr auf eine lange gemeinsame Geschichte der in diesem Land lebenden Menschen zurückblicken. Der Nestor der niedersächsischen Geschichte, Prof. Dr. Hans-Heinrich Seedorf, hat die Geschichte Niedersachsen in dem folgenden Beitrag zusammengefasst. Prof. Seedorf hat zusammen mit Prof. Dr. Hans-Heinrich Meyer, geboren 1954, eine zweibändige „Landeskunde Niedersachsen“ vorgelegt, die einen Umfang von 1415 Seiten hat und interessierte Leser zu weiteren Informationen über unser Bundesland führt. Der folgende Beitrag beruht auf einer überarbeiteten Fassung eines Vortrages, den Prof. Seedorf auf dem 60. Geburtstag des stellvertretenden Hauptgeschäftsführers der IHK Hannover-Hildesheim, Dr. Manfred Bahlburg, in Hannover gehalten hat.

Herkunft des Namens

Niedersachsen hat seinen Namen vom alten Volksstamm der Sachsen, der zu Beginn unserer Zeitrechnung noch nördlich der Elbe auf „dem Nacken der cimbrischen Halbinsel“ im heutigen Holstein sesshaft war. Den Namen Sachsen leitet der Corveyer Mönch Widukind (10. Jh.) im Hinblick auf den Kampfesmut und die Härte der Stammesgenossen von dem Namen ihres Kurzschwertes, dem Sax, ab, während die zur gleichen Zeit lebende Roswitha von Gandersheim ihn auf das lateinische Wort „saxum“ (Fels, Stein) zurückführte, womit ein Hinweis auf das von nordischen Findlingen übersäte Herkunftsland der Sachsen gegeben sein könnte.

Wanderung und Ausbreitung der Altsachsen

Der ehemals kleine Volksstamm der „Saxones“, wie er vom griechischen Geographen Ptolemaeus (um 150 n. Chr.) bezeichnet wurde, hatte im Zuge der Völkerwanderung im dritten Jahrhundert vom heutigen Holstein aus die Elbe nach Süden überschritten und seit dem vierten Jahrhundert seinen Einfluss durch Unterwerfung oder Eingliederung auf die Gebiete der alten germanischen Völkerschaften der Chauken, Angrivarier, Brukterer und Cherusker ausgedehnt, sowie auch auf das Gebiet der Langobarden (Bardengau, Bardowick), die im vierten Jahrhundert nach Süden gezogen waren und schließlich in der Poebene (Lombardei) von 568 bis 774 ein eigenes Reich hatten.

Eroberung Englands und Aussendung von Missionaren zum Festland

Im fünften Jahrhundert hatten die Sachsen zusammen mit den holsteinischen Angeln (Angelsachsen) die britischen Inseln erobert und dort sieben angelsächsische Königreiche errichtet, darunter Sussex, Essex und Wessex, durch Krieger, die nachweislich, mindestens teilweise, aus dem Unterelbe- und Unterwesergebiet kamen.

Die Sachsen nahmen auf der Insel das Christentum an und gründeten um 600 das Bistum Canterbury. Insbesondere im achten Jahrhundert sandten sie Missionare mit der neuen Heilslehre zu ihren festländischen Stammesbrüdern, deren Sprache sie verstanden. Zu nennen sind Winfrid, besser bekannt als Bonifatius, der Apostel der Deutschen, der verschiedene Bistümer gründete, aber schließlich in Friesland, weil er nicht friesisch sprechen konnte, erschlagen wurde.

Ein anderer unerschrockener Engländer war Lebuin, der 770 auf der sächsischen Stammesversammlung in Marklo auf dem jährlich einmal stattfindenden sächsischen Allthing für das Christentum warb. Bekannter ist der Angelsachse Willehad, der 787 von Karl dem Großen als erster Bischof des großen Bistums Bremen eingesetzt wurde.

Größter Machtbereich um 700 n. Chr.

Auf dem Festland erreichte das Stammesgebiet der Sachsen um 700 n. Chr. seine größte Ausdehnung. Es erstreckte sich damals weit über die Grenzen des heutigen Bundeslandes Niedersachsen von Holstein und der Ostsee entlang der mittleren Elbe bis an die Saale, Unstrut und Fulda und erreichte im Westen den Niederrhein und die Ijssel.

Ausgenommen blieb im niedersächsischen Bereich lediglich ein verhältnismäßig schmaler Küstenstreifen, der sich von der Wesermündung in westlicher Richtung über das Gebiet des heutigen Landkreises Friesland und über Ostfriesland verbreiterte und über das niederländische Friesland nach Flandern reichte. Es war das Stammesgebiet der Friesen.

Erste Organisationsform des Stammesgebietes im Mittelalter

Sachsen bestand aus 60 bis 80 Gauen, deren Vertreter sich nur einmal im Jahr auf dem berühmten sächsischen Allthing von Marklo (möglicherweise dem heutigen Marklohe bei Nienburg) versammelten. Die Gaue waren zu vier Stammeslandschaften („Heerschaften“) zusammengeschlossen, nämlich zu Westfalen, Engern, Ostfalen und zu der Heerschaft der Nordleute. Sie wurden im Kriegsfall von selbst gewählten Herzögen geführt.

Der bedeutendste Herzog war der Westfale Widukind. Während der über 30 Jahre dauernden Eroberungszüge Karls des Großen gegen die Sachsen (772 bis 804), die ihren Höhepunkt in dem berüchtigten Blutgericht von Verden (782) fanden, gelang es Widukind, den Gesamtstamm zu einen, so dass man erstmalig von einem sächsischen Stammesherzogtum sprechen kann. Das zerfiel allerdings wieder mit der vernichtenden Niederlage an der Hasefurt bei Osnabrück und mit Widukinds Unterwerfung und Taufe (785).

Bei seiner Taufe im Jahre 785 soll sich, der Legende nach, Widukinds schwarzes Pferd, der Rappe. in ein weißes Ross, in einen Schimmel, verwandelt haben, nämlich in jenes Ross, das die Niedersachsen seit 1946 in ihrem Landeswappen führen.

Eingliederung in das Frankenreich

Die Eingliederung der Sachsen und auch der Friesen in das fränkische Reich war mit tiefgreifenden Umstrukturierungen, z.B. mit der Einführung des Zehnten als Kirchensteuer und mit einer Straffung der Verwaltung, verbunden. Sie ließ aber das Gebiet der Sachsen als Einheit bestehen. Das Stammesrecht (Lex Saxonum) wurde übernommen, und auch das Altsächsische blieb erhalten. Aus ihm entwickelte sich mit der Zeit das Niederdeutsche, die plattdeutsche Sprache, die im Mittelalter von Ostfriesland bis zum Baltikum gesprochen wurde und dem Ober- und Mitteldeutschen durchaus ebenbürtig war.

Aufstieg sächsischer Adelsfamilien und Machtverfall der Karolinger

Mit dem Verfall der karolingischen Reichsgewalt seit der Mitte des neunten Jahrhunderts verstanden es einige der sächsischen Adelsfamilien, durch geschickte Erweiterung des Besitzes, ihren Einfluss auszubauen und so die politische Führung zu übernehmen. Um Lüneburg waren es die Billunger, um Braunschweig die Brunonen und im Gebiet rings um den Harz vor allem die Liudolfinger, die als Verteidiger der sächsischen Marken gegen die Slawen und Ungarn im zehnten Jahrhundert den größten Teil des Stammesbereiches unter ihre Führung brachten und damit das Stammesherzogtum Sachsen erneut bildeten, aber doch keine territoriale Einheit erreichten.

Sächsische Könige und Kaiser

Mit dem Übergang vom Fränkischen zum Deutschen Reich waren es die Liudolfinger, die 919 mit Heinrich I. den ersten deutschen König stellten. Von nun an trugen die sächsischen Könige und Kaiser für ein Jahrhundert die Reichsgewalt. Es waren die drei „Ottonen“ und Sachsenkaiser: Otto der Große (936-973), der die von Heinrich I. zwischen Oder und Elbe neugewonnenen Ostgebiete durch die Errichtung von Markgrafschaften festigte und erweiterte, sein Sohn, Otto II. (973-983), trat durch seine Heirat mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu im Jahre 972 als sächsisch-west-römische Kaiser gleichberechtigt neben dem oströmischen Kaiser von Byzanz auf. Beim großen Slawenaufstand von 983 verlor er beträchtliche Teile des Ostlandes. Weiter ist Otto III. (983-1002) zu nennen, der sich durch seine nach Rom orientierte Politik stark vom sächsischen Stammland entfernte. Mit dem Tode Heinrichs II. auf der Pfalz Grone bei Göttingen (1024) ging die Führung des Reiches für nahezu ein Jahrhundert an die Salier über.

Doch inzwischen war der Harz mit seinen Silbergruben im Rammelsberg und bei Gittelde zum Mittelpunkt des Reiches oder sogar Mitteleuropas, geworden. Der Wikingerforscher Graf Oxenstierna schreibt:

„Innerhalb von 20 Jahren, zwischen 980 und 1000, verdrängte das Harzer Silber das bisher allein herrschende arabische Silber. Die Wikinger waren silbersüchtig, sie nahmen für die Fahrt durch das Jenseits Silber mit ins Grab. Damit war das Handelsmonopol der Wikinger gebrochen. Die von den Sachsenkeisern erschlossenen Gruben lenkten den Warenaustausch auf andere, neue Wege“.

Die vom Rhein aus der Gegend um Speyer kommenden Salier bauten das erzreiche Harzgebiet weiter zu einem Zentrum ihrer Macht aus. Goslar wurde unter Heinrich III. (1039 - 1056) zur bevorzugten Residenz des Kaisers (Kaiserpfalz, Dom). Als 1056 der Dom zu Goslar eingeweiht wurde, war nicht nur der Papst anwesend, sondern mit ihm kamen 80 Erzbischöfe und Bischöfe in die Kaiserpfalz. Doch als Heinrich IV., der Sohn Heinrichs III., die Harzburg errichten ließ, wurde er im so genannten „Sachsenaufstand“ unter der Führung von Otto von Northeim vertrieben.

Das Herzogtum Sachsen unter Kaiser Lothar von Süpplingenburg und Heinrich dem Löwen (1106 bis 1180)

Mit dem Aussterben des salischen Hauses übernahm im Jahre 1125 erneut ein sächsischer Herzog die Königsgewalt und machte Sachsen zum Zentrum des Reiches: Lothar von Süpplingenburg bei Helmstedt. Er führte angesichts des starken Bevölkerungsdruckes im Altsiedelland die von den Ottonen begonnene Ostpolitik weiter fort. Zu diesem Zweck setzte Lothar drei Dynastengeschlechter als Kolonisationsträger ein: Im Norden die von der Porta Westfalica kommenden Schaumburger in Holstein (deshalb heute noch das Schaumburger Nesselblattwappen im Landeswappen Schleswig-Holsteins), in der Mitte die Askanier und im Süden die Wettiner in Meißen und in der Lausitz. Er wurde dadurch zum eigentlichen Wegbereiter der großen mittelalterlichen Ostkolonisation. Lothar starb 1137. Im „Kaiserdom“ zu Königslutter liegt er begraben.

Festigung und Ende des Herzogtums Sachsen durch Heinrich den Löwen

Aus der Ehe der Tochter Lothars mit dem Welfenherzog Heinrich dem Stolzen von Baiern ging 1129 der wohl berühmteste und durchsetzungsfreudigste Herrscher hervor, der im alten Sachsenland je gewirkt hat: Heinrich der Löwe.

Er versuchte mit allen üblichen und zweifelhaften Mitteln, aus seinem Streubesitz ein geschlossenes Herrschaftsgebiet zu machen, um damit einen sächsischen Staat zu bilden, d.h. das alte Stammesherzogtum Sachsen wieder herzustellen. Braunschweig wählte Heinrich zu seiner Residenz, wo er die einer Kaiserpfalz gleichende Burg Dankwarderode und den berühmten Bronzelöwen (1166) als Sinnbilder seiner Herrschaft und Machtfülle errichten ließ.

Nach einem lange währenden Zwist mit seinem Vetter Kaiser Friedrich I. Barbarossa, dem er wegen der Nichtbeleihung mit den Erzgruben und der Stadt Goslar die Heeresfolge in Italien verweigerte, kam es 1180 zum Sturz und zur Ächtung des Herzogs, der nunmehr alles verlor.

Damit war das Stammesherzogtum Sachsen am Ende. Es hatte zuletzt von der Ostsee bis fast an den Rhein, von der Grenze zu Friesland bis an Werra und Saale gereicht. Nun wurde es auf dem Reichstag zu Gelnhausen (1180) in zwei Teile geteilt. Der Teil westlich der Weser fiel als Herzogtum Westfalen an das Erzbistum Köln. Auch die Westfalen übernahmen das Sachsenross des Widukind in ihr Wappen, allerdings mit steigendem Schweif. Der Anspruch Westfalens auf die niedersächsischen Gebiete westlich der Weser ist mindestens bis 1946 erhalten geblieben.

Mit dem östlichen Teil sowie mit dem Herzogstitel der Sachsen und der Kurwürde wurden die Askanier belehnt, die damit für über 200 Jahre nach Wittenberg an die Elbe gelangten. Davon haben die bis 1946 bestehende preußische Provinz Sachsen bzw. das Land Sachsen-Anhalt ihren Namen.

Dieses Jahr 1180 ist für die Niedersachsen auch deshalb so bedeutsam geworden, weil nach der Zerschlagung des alten Herzogtums Sachsen ehemalige Vasallen des Herzogs und andere Adelige versuchten, ihre Burgen ausbauten, Städte als Stadtburgen und Grenzfestungen gründeten und sich eigene Territorien schufen, deren Zahl im niedersächsischen Gebiet auf über 40 anwuchs. Man braucht in der näheren Umgebung Hannovers nur an die Grafschaften Hoya, Wölpe, Wunstorf-Roden mit der Stadtburg Lauenrode, an die Grafschaften Schaumburg, Hallermunt, Spiegelberg, Everstein und Homburg sowie an die Bistümer Minden und Hildesheim als eigene Territorien zu erinnern. Nordwestdeutschland war politisch ein bunter Flickenteppich geworden.

Durch die vielen Burgen im Lande, die vielfach später Amtssitze oder Kreissitze wurden, wirkt dieses Jahr 1180 bis in die Gegenwart nach. Schon in den Namen der Kreissitze erkennt man vielfach, dass es sich um Burgen des 12. und 13. Jahrhunderts handelt, die Ausgangspunkte der Stadt- und Territorialbildung waren, wie Oldenburg, Cloppenburg, Harburg, Lüneburg, Nienburg, Rotenburg, Schaumburg, Wolfsburg. Andere tragen zwar nicht den Burgnamen, sie hatten aber Burgen als Stützpunkte der Territorialgewalt.

Auflösung der territorialen Einheit und Entstehung des Namens „Niedersachsen“

Der sächsische Herzogstitel war aber nach dem Aussterben der Askanier 1422 weiter von Wittenberg elbeaufwärts an die Wettiner nach Meißen und Dresden vererbt worden, in ein Gebiet, das man heute zumeist mit dem Begriff „Sachsen“ verbindet und das mit der alten sächsischen Stammesart überhaupt nichts mehr zu tun hat.

So gab es lange Zeit nebeneinander drei Gebiete mit dem Namen „Sachsen“. Zur Unterscheidung bürgerte sich allmählich der Gebrauch der Wörter Obersachsen (Saxonia superior) und Niedersachsen (Saxonia inferior) ein. 1354 heißt es erstmalig „Saxonia inferior“ oder „Neddersassen“. Zur gleichen Zeit, 1361, tritt auch das Wappentier der Niedersachsen, das springende Pferd des Herzogs Widukind, erstmalig im Siegel der Welfen auf, die damit den Anspruch auf das alte Stammesherzogtum dokumentieren wollten. Offiziell wurde der Name „Niedersachsen“ jedoch erst 1512, als der sog. Niedersächsische Reichskreis gegründet wurde, der jedoch keine territoriale Bedeutung hatte.

In der folgenden absolutistischen Zeit ging der Name Niedersachsen weitgehend verloren. Man bezeichnete sich nach den Ländern, denen man angehörte, als Hannoveraner, Braunschweiger, Oldenburger und Schaumburger.

Aus einem der vielen Territorien, aus dem Fürstentum Calenberg, entstand ab 1692 das mächtige Kurfürstentum Hannover. Es wurde 1705, mit dem Tode des letzten Heideherzogs Georg Wilhelm, um das Fürstentum Lüneburg erweitert, wodurch Celle seinen Status als Residenzstadt verlor. Den vorläufigen Höhepunkt brachte 1714 die Erlangung der englischen Krone durch Georg Ludwig, der als König Georg I. die Personalunion zwischen England und Hannover begründete, die 123 Jahre (bis 1837) dauerte.

Brandenburg-Preußen drängt nach Westen

Zugleich verstärkte sich der Druck Brandenburg-Preußens nach Westen. Schon 1648, mit dem Westfälischen Frieden, hatte der östliche Nachbar die Bistümer Minden und Halberstadt vereinnahmt und 1702 bzw. 1707 die Grafschaften Lingen und Tecklenburg erworben, bevor 1744, nach dem Tode des letzten Cirksena, auch Ostfriesland zu Preußen kam, das in der wieder aufblühenden Hafenstadt Emden ein Tor zur Nordsee und damit zum Weltmeer erhielt.
Säkularisation und Wiener Kongress - Ausdehnung des neuen Königreichs Hannover

Das im Jahre 1814 auf dem Wiener Kongress zum Königreich erhobene Hannover konnte sich flächenmäßig erheblich vergrößern. Für den Verzicht auf das nördlich der Elbe gelegene Herzogtum Lauenburg wurde es mehr als reichlich entschädigt, vor allem durch Zugewinne im Westen. Hier erhielt es von Preußen Ostfriesland und die Niedergrafschaft Lingen, außerdem die Grafschaft Bentheim. Weiterhin erwarb Hannover von Preußen das Stift Hildesheim, die Stadt Goslar und das Untereichsfeld sowie von Hessen die alte Exklave Plesse bei Göttingen .

Oldenburg, das ebenso wie das Herzogtum Braunschweig in seinen niedersächsischen Grenzen unverändert blieb, wurde zum Großherzogtum erhoben.

Hannover wird preußische Provinz

Rund 50 Jahre hatten die Umgestaltungen des Wiener Kongresses Bestand. 1853 erhielt Preußen von Oldenburg am Jadebusen das Land für die Anlegung eines Kriegshafens „Wilhelmshaven“. Der Weg zur endgültigen Vorherrschaft Preußens war dann auch nicht mehr weit. Im preußisch-österreichischen Krieg (1866) musste nach der zwar gewonnenen Schlacht von Langensalza (27. Juni 1866) die hannoversche Armee kapitulieren und der blinde König Georg V verlor sein Königreich Hannover. Es wurde als Provinz in den preußischen Staat einverleibt. Preußen erhielt damit eine endgültige Verbindung zwischen seinen westlichen und östlichen Landesteilen. Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe konnten dank einer vorteilhaften Unterwerfungspolitik ihre Selbständigkeit behaupten.

Gebietsveränderungen zwischen den Weltkriegen - Abschaffung der Monarchien 1918

1919, nach der Errichtung der Weimarer Republik, blieb Hannover preußische Provinz, während Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe mit der Abschaffung der Monarchien im Jahre 1918 zu eigenständigen Ländern wurden.

Als in den zwanziger Jahren die Notwendigkeit einer Reichsreform angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten immer zwingender wurde, beauftragte im Jahre 1928 der Hannoversche Provinziallandtag Kurt Brüning mit der Abfassung einer Denkschrift, die schon ein Jahr später, 1929, vorgelegt wurde. Sie trug bewusst den Titel „Niedersachsen im Rahmen der Neugliederung des Reiches“, worunter ein Wirtschaftsgebiet Niedersachsen verstanden wurde, Er fußte dabei auf Bestrebungen des Verbandes der niedersächsischen Handelskammern, die dieses Wirtschaftgebiet in dem 1921 gegründeten Wirtschaftsblatt Niedersachsen, dem Verkehrsverband Niedersachsen und dem Wirtschaftsausschuss Niedersachsen anstrebten, vor allem aber war das ein Fernziel der 1925 gegründeten „Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft zum Studium Niedersachsens“, deren Geschäftsführer Kurt Brüning 1926 geworden war und der es auch bis zu seinem Tode 1961, 35 Jahre lang blieb. Dieses Wirtschaftsgebiet Niedersachsen bestand in der Wirklichkeit aus insgesamt zehn politischen Einheiten oder Teilen davon, nämlich:

•  aus der preußischen Provinz Hannover,

•   aus Teilen der Provinz Westfalen,

•   aus dem zu Hessen-Nassau gehörenden Kreis Grafschaft Schaumburg, worauf noch der Stadtname Hessisch Oldendorf hinweist,

•   aus einigen zur Provinz Sachsen gehörenden Exklaven, wie z.B. dem heutigen Wolfsburg,

•  aus dem Freistaat Oldenburg,

•   aus dem Freistaat Braunschweig,

•   aus dem Freistaat Lippe (Detmold),

•   aus dem Freistaat Schaumburg-Lippe,

•   aus der Freien Hansestadt Bremen und

•   aus dem Gebiet um Cuxhaven, das zur Freien und Hansestadt Hamburg gehörte.

Im umfangreichen Text und auf den 84 Karten der Denkschrift wurde verdeutlicht, dass „die politische Zerrissenheit Niedersachsens nicht das Ergebnis natürlicher, stammesmäßiger, wirtschaftlicher oder kulturgeschichtlicher Gegebenheiten sei, sondern als Überbleibsel einer durch viele Zufälligkeiten beeinflussten dynastisch-territorialen Entwicklungsgeschichte anzusehen“ sei.

Ein zweiter Band der Denkschrift, der 1931 herauskam, zeigte an vielen Beispielen die Folgen der politischen Zersplitterung in Verwaltung, Wirtschaft, Verkehr und Kultur auf.

Mit Brünings beiden Denkschriftbänden war erstmals ein konkretes Konzept für eine großräumige Verwaltungseinheit Niedersachsen entwickelt worden. Das Konzept sollte 1945/46 bei der Neugliederung Restdeutschlands wieder eine bedeutende Rolle spielen.

Allerdings hatte Brüning in seinen Wirtschaftsraum Niedersachsen auch die westfälischen Gebiete um Minden und Bielefeld und selbstverständlich auch Oldenburg mit einbezogen. Das rief Proteststürme der westfälischen Provinzialverwaltung wie auch Oldenburgs hervor.

Brünings Denkschrift hatte aber nur mögliche Grenzen aufgezeigt. Sein Hauptanliegen war es gewesen, die nachteiligen Auswirkungen der territorialen Zersplitterung auf Wirtschaft, Verkehr und Verwaltung darzulegen. Im übrigen vertrat er den Grundsatz, dass erst die genaue Landeskenntnis, wie sie eine unvoreingenommene landeskundliche Forschung vermittelt, Grundlage für mehr oder weniger entscheidende Änderungsvorschläge sein könne.

Frühe Nachkriegszeit und Gründung des Landes Niedersachsen

Die Nachkriegszeit war für das niedersächsische Gebiet die stärkste Umbruchsphase seiner Geschichte. Zum einen strömten rd. 2,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene(!) in das Land, wodurch trotz aller Kriegsverluste die Einwohnerzahl von 4,5 Millionen (1939) auf fast 7 Millionen (1950) stieg. Zum zweiten wurde an Niedersachsens Ostgrenze ein „Eiserner Vorhang“ errichtet, der eine wirtschaftliche Umorientierung erforderlich machte.

Auch verwaltungsmäßig machte das Kriegsende einen Neubeginn notwendig. Schon bald nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 fiel das nordwestdeutsche Besatzungsgebiet der britischen Militärverwaltung zu. Die früheren Länder Oldenburg, Bremen, Braunschweig und Schaumburg-Lippe wurden vorübergehend wiederhergestellt und aus der ehemaligen preußischen Provinz Hannover wurde das Land Hannover gebildet, dessen Oberpräsident Hinrich Wilhelm Kopf wurde.

Die Freie Hansestadt Bremen, die als Nachschubhafen zur amerikanischen Besatzungszone gehörte, formierte sich im Januar 1947 zu einem eigenen, dem kleinsten Bundesland.

Bereits seit dem Sommer 1945, nach dem Zusammenbruch des Reiches und der Auflösung Preußens, hatte der Sozialdemokrat Hinrich Wilhelm Kopf die nicht verwirklichten Reichsreformpläne der späten Weimarer Jahre und damit die Brüningschen Gedanken der Niedersachsen-Denkschrift wieder aufgegriffen und dank der gutachterlichen und landeskundlichen Vorarbeiten von Kurt Brüning, der über 150 Veröffentlichungen mit dem Namen Niedersachsen vorlegte, die Grenzen des künftigen Landes Niedersachsen abgesteckt.

Staatsbildung in Niedersachsen nach 1945

Nachdem sich die zonalen Länderchefs am 1. März 1946 für die Zusammenfassung wirtschaftlich-geographisch-stammesmäßig einheitlicher Gebiete zu leistungsfähigen Ländern ausgesprochen hatten, wie es die Militärverwaltung wollte, eröffnete Hannovers damaliger Oberpräsident Hinrich Wilhelm Kopf die Diskussion mit dem von Brüning übernommenen Niedersachsenplan, der Niedersachsen bis zum Teutoburger Wald unter Einschluss Lippes forderte. Er stieß dabei auf heftigen Widerstand beim Oberpräsidenten der Nordrhein-Provinz, Dr. Lehr. Oldenburg und Braunschweig legten eigene Neuordnungspläne vor.

Weil man sich nicht einig werden konnte, erteilte die Militärregierung am 4. Juli 1946 dem Zonenbeirat den Auftrag, einen Sonderausschuss zur Neugliederung der Zone zu bilden. Am Schluss der Debatte standen fünf Vorschläge zur Abstimmung. Der Ausschussvorsitzende Dr. Kurt Schumacher wollte neben dem bereits bestehenden Land Nordrhein-Westfalen, das ohne Befragen des Sonderausschusses von den Briten plötzlich gebildet worden war, nur noch einen zweiten Staat in der britischen Besatzungszone, als Gegengewicht zu Westfalen vielleicht „Ostfalen“ geheißen. In ähnlicher Weise forderte der Braunschweiger Ministerpräsident Alfred Kubel ein Niederdeutschland, bestehend aus den Provinzen Hannover, Schleswig-Holstein, Braunschweig und Weser-Ems. Der Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Lehr, be-stand aber auf der Forderung, neben Lippe-Detmold auch den Südteil des Regierungsbezirks Osnabrück dem Land Nordrhein-Westfalen einzuverleiben.

Der Begriff „Niedersachsen“ tauchte weder bei Kurt Schumacher noch bei Alfred Kubel oder beim Oldenburgischen Ministerpräsidenten Theodor Tantzen auf. Dieser Name hatte alleine Hinrich Wilhelm Kopf vorgeschlagen. Er stützte sich dabei auf ein neues Gutachten „Das Land Niedersachsen (The Land of Nethersaxony)“ vom Landeskundler Professor Kurt Brüning, das am 17. September 1946 dem Zonenbeirat für die britische Besatzungszone zur Abstimmung vorgelegt wurde.

Mit 16:9 Stimmen wurde Kopfs Vorschlag schließlich angenommen, drei Länder zu bilden, darunter Niedersachsen. Über den Anschluss Lippe-Detmolds und der westfälischen Gebiete um Minden, Bielefeld und Tecklenburg sollte später eine Volksabstimmung stattfinden, zu der es jedoch nie gekommen ist; denn mit der plötzlichen Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen bestanden bereits vollendete Tatsachen, die sich nicht mehr korrigieren ließe.

Die britische Verordnung Nr.55, durch die das Land Niedersachsen am 23. November 1946 geschaffen wurde, lässt wenig von den Bemühungen Kurt Brünings und Hinrich Wilhelm Kopfs erkennen, obwohl sie es im Wesentlichen waren, die jene Voraussetzungen schufen, dass ein Land Niedersachsen in seinen heutigen Grenzen entstehen konnte. Dabei hatte Hinrich Wilhelm Kopf sogar die Eingliederung Bremens gefordert.

Wenig später, im April 1947, wurde der erste niedersächsische Landtag gewählt. Der Landtag verabschiedete am 1. Mai 1951 die Vorläufige Niedersächsische Verfassung. Als Landeswappen gab sich Niedersachsen im Jahre 1952 das im roten Feld platzierte weiße Sachsenross, das schon die früheren Welfenlande Hannover und Braunschweig in ihrem Wappen geführten hatten. Es hat inzwischen allerdings weitgehend seinen Rumpf und damit seine Kraft verloren und ist zu einem stilisierten Pferdekopf zusammengeschrumpft.

*   Prof. Dr. Hans Heinrich Seedorf, geboren 1923 in Sittensen. 1942 Kriegsabitur in Bederkesa, schwere Verwundung in Russland, Studium der Geographie, Geologie, Biologie und Germanistik in Göttingen, 1952 Promotion, Assistent von Prof. Dr. Kurt Brüning. 1954 Referent im Niedersächsischen Landesverwaltungsamt in Hannover. 1972 Habilitation, bis 1988 Professur am Geographischen Institut der Universität Hannover.



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